De Bügelatione

Ein rasches Zwinkersmiley-Vorwort

Die Zeitungen, Klatschblätter und Literaturmagazine schrieben vorab: „Ist das Kunst oder kann das weg?“; „Verse, die die Welt nicht braucht.“; „René Kanzler wettert gegen schlechte Lyrik und dann so etwas“; „Dreht er jetzt völlig durch?“; „Ein sinkender Stern am Lyrikhimmel“; „Bye, bye René Kanzler!“ Mehrere Brennpunkte mit dem Schwerpunkt „Der Fall der Dichtung“ wurden gesendet, bei Anne Will diskutierten die Gäste ebenso rege wie bei Plasberg über den jetzigen Scheidepunkt deutscher Versliteratur. Auf N-TV gab es die ersten Dokus mit original Schwarzweißarchivaufnahmen und Experteninterviews über das Leben des einst so hochangesehenen Dichters. Und schließlich warnt der Verbraucherschutz seit Neustem: „Das Lesen dieser Verse birgt ein erhebliches Hochdruckrisiko!“

Doch was nützt es, dem Geschmack der Allgemeinheit zu folgen? Wer etwas als Autor zu sagen hat, der schreibe es – so kunstvoll, mit so viel Gefühl, Verstand und Handwerk, wie es nur geht. Die Meinung der Masse ist kein Kriterium für die Güte der eigenen Kunst.

Noch jüngst tauchte ein Pergament mit den Versen eines neuen Dichterideals auf. Forschung und Wissenschaft wie Kunst und Kultur waren entsetzt. Dieses Ideal durfte, ja dürfte niemals Realität werden. Doch eben jene Realität holte mich längst ein. Daher musste ein Zeichen gesetzt werden, ein Zeichen gegen Zusammenhangslosigkeit, ein Zeichen gegen Satzzeichenlosigkeit, ein Zeichen für Metrum, ein Zeichen für Reime, aber auch ein Zeichen für den freien Vers.

Und wie könnte man besser derartig viele Zeichen setzen, wenn nicht mit tiefempfundenen Liebesgedichten. So entstand die nachfolgende, überschaubare Sammlung mit dem Titel „De Bügelatione“ – Verse, die jedes Herz höher schlagen lassen werden, Verse von noch nie verdichteter Wahrheit über das Wahre im Leben. Und wer weiß, vielleicht schreibt einst die Angebetete zurück und erwidert, was die Verse so klar zum Ausdruck bringen.

 

Viele Freude beim Lesen! Zwinkersmiley

 

De Bügelatione

 

Es besteht doch keine Pflicht,

Liebchen, etwas auszuklügeln,

bin ich doch ein schlichter Wicht;

leicht kannst Du mein Herz beflügeln.

Viel bedarf es dazu nicht:

Nimm mein Hemd, Du sollst es bügeln!

Und wenn dann das Morgenlicht

rein auf blondverdeckten Hügeln

schillernd strahlt, werd’ ich mich schlicht,

ach mein Liebchen, nicht mehr zügeln!

 

Die Moral von dem Gedicht:

Wonne bringt des Liebchens Bügeln

und ein Lächeln ins Gesicht!

 

Sehnsuchtsvoller Nachtrag:

Ach Liebchen, Du willst mir nicht schreiben

auf mein gar zuckersüßes Buhlerwerk.

Doch sag’, wie lang soll er noch bleiben,

der Dir längst anvertraute Bügelberg?

 

Tränenbenetzter Nachtrag:

 

Du gingst. Nun bin ich nicht mehr dein.

Drum bügel’ ich hier ganz allein.

Der Hausfrau Arbeit ist nun mein.

Wer mag mein neues Liebchen sein?

 

Trotzig-zynischer Nachtrag:

Liebchen, ich mach’s kurz und bündig!

Längst schon hab’ ich Dich vergessen

Längst schon wurd’ ich wieder fündig.

Liebchen, nur für Dich verkünd’ ich:

Bügel’ nie, das wär’ vermessen!

 

Entsetzter Nachtrag:

 

Stimmt es, Liebchen? Bügelst nun

von manch’ Fremden

deren Hemden?

 

Wie weit, wie weit ist’s mit dir

nur gekommen?

Bin benommen.

 

Komm’ doch wieder, um dann mein

Bügeleisen

anzuschmeißen.

 

Schmuddeliger Nachtrag:

Lass mich dein Bügelbrett,

sein, oh witziges Liebchen,

ganz hart und fest, wie gewohnt,

auf dass dein heißes Eisen,

gerne erst auf fremden Hemden,

seinen Dienst erfülle.

Oh lüsternes Liebchen, ich weiß

ob des Errötens deiner Wangen,

wenn du diese Verführung liest.

Ergib dich dem Gedanken

und lass mich dein Brett sein!

Ich will die beißende Hitze

deiner Bewegungen spüren

und mir gewahr werden,

dass du wieder bei mir, ach,

für mich, wie gewohnt, bügelst.

Ein großer Berg erwartet dich.

Du willst es doch auch!

 

Flehender Nachtrag:

 

Mein Hemd, das knittert fürchterlich

und sehnt sich arg nach deinen Händen.

Wenn diese sich jetzt hier befänden,

das wär’ ein Bügelglück für mich.

 

Oh Liebchen, wie oft denke ich

ans Hemdenglätten und ans Falten,

an dein so liebesvolles Walten,

das stets dem einer Göttin glich?

 

Mein Liebchen, meine Göttin sprich!

Hast du mich nicht genug geschunden

mit Einsamkeit in Knitterstunden?

Mein Hemd und ich, wir brauchen dich!

 

Sorgenerfüllter Nachtrag:

Ich hörte jüngst von deinen Reisen

ins Ferne mit dem Bügeleisen.

Man sagte, es sei abgekühlt.

Ich gesteh’, das hat mich aufgewühlt.

 

Fatalistischer Nachtrag:

 

Das Trinken habe ich begonnen.

Mehr blieb mir schließlich nicht.

Mein Lebensglück ist gar zerronnen.

Nur Stroh macht mich noch dicht.

 

Die Stadt weiß gut, wie sehr ich stinke

nach schlechtem, braunem Rum,

und bleibt, wenn ich im Vollsuff hinke,

stets angewidert stumm.

 

Des Nachts, wenn alle lieblich schlafen,

dann singe ich ein Lied.

Damit will ich das Liebchen strafen,

das herzlos von mir schied.

 

„Mein Hemd hat tausend Knitterfalten!

Du wolltest es doch so!

Hät’st Du das Bügeln beibehalten,

dann bräucht’ ich nicht den Stroh!“

 

 

Ein fast letzter Nachtrag:

Ach Liebchen, so wie ich hier schreibe,

und drum noch kurz am Leben bleibe,

erlaube mir, dir ohne Klagen

mit ganzem Herzblut schlicht zu sagen:

Dein Bügeln, das war sicherlich

das größte Lebensglück für mich.

 

Ein dithyrambischer Nachtrag:

Die Nacht ist alt.

Der Stroh ist leer.

Auf einem Bordstein,

da sitzt er zweifelnd

mit Tränenaugen.

Die Stadt, die schläft

und will nichts wissen

vom schwersten Leid

des Tiefbetrübten

und längst Verstummten.

Doch just entfacht

der Stroh sein Wirken.

Die leere Flasche,

die klirrt im Nichts –

also spricht er:

Was soll es? Was soll das Darben?

Ich bin kein Darber, ich bin ein Macher,

ein Geher, ein Schreiter, ja ein Mann!

Drum reiße ich jetzt und hier,

oh dunkle Städtenacht,

sieh den glorreich Auferstandenen an,

mir das Knitterhemd vom Leib,

zerreiße und schmeiße es,

wohin auch immer ich –

hörst du es in der Ferne? –

wohin ich, ich allein es will.

Diese faltenlose Stadt,

bügelglatt und wohl zusammengelegt,

ja sie soll mich hören!

Ich brauche kein Hemd!

Wer braucht das schon?

Götter sind nackt! Sie sind nackt!

Hörst du meine Worte

in deiner selbsterwählten Ferne?

Lass dort dein Eisen glühen und glätten

für jedes Aas,

für jeden Arsch,

dessen stinkendes Lumpenhemd

deinen zarten Hände, oh Liebchen

– des Nachts –

 nicht mehr ruhen lässt!

Schieb es nur hin und her

und auf und ab

auf fremden Hemden

und lächele so süß,

so unendlich treu und lieb,

ist dein Liebchenwerk getan!

Aber horch, oh Liebchen, horch!

Ich trage nimmermehr ein Hemd!

Götter sind nackt!

Er schreit noch weiter.

Die Stadt, die stört’s,

drum schreit sie mit

und wirft nach ihm

mit einem Eisen.

Er solle selbst

das Bügeln lernen

und endlich schweigen.

Er schaut verdutzt

und wundert sich.

Als er das Eisen

nun greifen will,

reicht eine Hand

so zart und lieb

alsdann ein Shirt.

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~ von totalblackout - 25. April 2017.

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