2. Das aufgetauchte Pergament

Es ist exakt 1:34 Uhr. Die Stadt ist nebelverhangen. Sie schweigt. Hier und da leuchtet noch ein Fenster. Bald legt sich auch der letzte schlafen. Eine Ratte wagt sich auf die einsame Straße, um gleich darauf im Gebäude eines verlassenen Fabrikgeländes zu verschwinden. Neugierig blickt sie dort umher. Das Geräusch von quietschenden Reifen durchdringt den Nebel. Sie erschrickt. In einer der zahlreichen Lagerhallen findet sich ein Auto ein. Das schwarze, kennzeichenlose Fahrzeug mit verdunkelten Fenstern hält vor einer Wand und bestrahlt sie beißend mit dem Fernlicht. Die Ratte ergreift die Flucht und verliert sich in der Nacht.

Es ist nun exakt 1:39 Uhr. Zwei kräftig wirkende Männer mit Sonnenbrille zerren einen dritten von der Rückbank des Wagens. Der Dritte, klein und schmächtig, hat einen Jutesack über dem Kopf. Seine Hände sind gefesselt. Die beiden stoßen und schubsen ihn zur scheinwerfergrellen Wand. Aus der Beifahrertür steigt ein älterer Herr mit Sonnenbrille, sich auf einen goldenen Gehstock stützend.

„Hior unn sow, weg middn Sagg, Jungs!“, befiehlt er. Seine Lakaien gehorchen wortlos. Der Schmächtige wird sofort geblendet. Er ist verwirrt und kann sich nicht orientieren. Mit kurzen Handgriffen holt der Alte eine Zigarette hervor, zündet sie an, nimmt einen tiefen Zug und steckt sie dem Schmächtigen in den Mund. „Junge, duw mussd och ma üborlechen, was de machsd! Schonne ma was von Saddiere gehörd? Gannsd doch nisch immor alles sow ernsd nehm. Abor gud, willsde zum Schluss noche was laborn?“, fragt er kühl, während bereits hinter ihm eine P99 durchgeladen wird.

Der Schmächtige spuckt die glühende Zigarette aus, hält eine bedeutungsschwangere Pause und brüllt:

„Das Pergament muss vorgetragen werden! Und nichts mit Saddiere! Das Pergament offenbart ein Ideal für alle Poeten dieser Welt! Es muss vernommen werden!“

Die Lakaien schauen verdutzt. Der Alte zieht sich achselzuckend zurück. Mit einer Handgeste gestattet er dem Schmächtigen noch ein wenig weiterzusprechen.

„Jahrelang habe ich dieses Pergament erforscht. Ich wusste, es beinhaltet eine große Botschaft. Jede Dichterin und jeder Dichter fragten sich bisher, wie sie am besten schreiben, wie sie ewigen Ruhm und Herzen aller Lesenden und Hörenden erreichen könnten. Keiner wusste je, eine befriedigende Antwort zu geben; alles verlor sich in differenziertem Gequatsche. Aber endlich fand ich das Schriftstück und mit ihm die ultimative Anleitung zum perfekten Schreiben. Forscherkollegen sprachen von einem satirischen Schriftstück. Ich sollte alles nicht so ernst nehmen. Aber alles ist wahr! Alles, was da geschrieben steht, ist so rein, so perfekt, so unendlich vollkommen! Jaja, die Kollegen fürchteten sich vor einer neuen Art Dichter. Ach fürchteten sie sich! Aber nun soll es die Welt endlich hören. Hier, das ist das Gedicht, welches ich auf dem Pergament fand, ein Vermächtnis einer besseren Zeit, eine Sammlung von Leitgedanken, die Generationen von Dichterinnen und Dichtern zu Höchstformen antreiben werden.“

Er räuspert sich und nimmt im Scheinwerferlicht eine heroische, eine sehr heroische Pose ein. Aus dem Kopf rezitiert er seine Forschungsergebnisse:

 

„Leitgedanken des heutigen, nicht nur deutschen, Dichterideals

 

Ich schreib’ mal groß, ich schreib’ mal klein.

Es braucht nicht alles richtig sein.

Grammatik, nutzt doch nie ein Aas.

Erst ohne sie macht’s Schreiben Spaß!

Von Zeichensetzung halt’ dich fern.

Erst ohne sie liest man mich gern’!

 

Wenn es mich juckt, dann reime ich.

Doch wenn es zieht, dann besser nich’.

Ich bin so prächtig abgefeimt,

bestimme ob und was sich reimt!

Im Metrum reime das Gedicht?

Ach so ein Quatsch! Das brauch’ ich nicht!

 

Zusammenhänge oder Sinn –

die bringen keinem Vers Gewinn.

Und mein Gedicht versteh’ nur ich.

Du  etwa nicht? Was kümmert’s mich?

Mein Ausdruck, der ist nimmer schlecht.

Der Leser liest den Text nie recht!

 

Beraten lasse ich mich nicht,

versperr’ mich stets vor fremdem Licht.

Was ihr mir sagt, ist einerlei.

Ich bin ein Künstler, ich bin frei.

Ich schreibe viel, ich schreibe gern.

Ich bin der hellste Dichterstern.“

 

Unmittelbar nach dem letzten Vers kracht ein Schuss und scheint ewig durch die Nacht zu hallen. Es ist exakt 2:12. Irgendwo in der Ferne beschleunigt die Ratte ihren Schritt. Er fällt zu Boden. Eine Lache breitet sich aus. Das schwarze, kennzeichenlose Fahrzeug flüchte aus der Lagerhalle. Bevor ihn sein Leben verlässt, lächelt er vergnügt. Es ist exakt 2:13. Im davoneilenden Wagen rezitiert der Alte auf dem Beifahrersitz Ringelnatz: „Een Lusddmord inn Ehrn, gann niemand verwehrn!“

Advertisements

~ von totalblackout - 29. März 2017.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: