Neue Website

•13. September 2017 • Kommentar verfassen

Liebe Leser/innen,

diese Seite bzw. die zu ihr leitende Adresse wird mit Ende des Jahres eingestellt werden. Eine neue Website ist aber soeben in Planung. Künftig gibt es aktuelle Neuigkeiten zu meinem Schaffen auf

www.rene-kanzler.com

Schaut vorbei, es lohnt sich!

 

Ausschreibung / Call for submission

•20. Juli 2017 • Kommentar verfassen

Liebe Autoren/innen unter euch, schaut doch bitte einmal auf den folgenden Link. Vielleicht habt ihr Interesse, daran teilzunehmen. Neben Lyrik und Kurzprosa sind auch Essays erwünscht. 

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https://www.autorenwelt.de/verzeichnis/aufrufe/transnational-5

Kleiner Mutmacher

•10. Juli 2017 • Kommentar verfassen

 

 

Ist dir so bang, bist du verletzt,

glaubst du nicht mehr an einen Sinn,

schreist du zu Recht: „Mir reicht es jetzt!“,

wirfst alles weg, schmeißt alles hin,

dann heb’ ich alles wieder auf

und reiche es dir lächelnd rauf.

 

Unruhige Seele

•26. Juni 2017 • Kommentar verfassen

Ich freue mich, das nächste heiße Eisen aus dem Feuer holen zu dürfen. Je ein Haiku und ein Senryu aus eigener Feder erscheinen in der Sternenblick-Anthologie „Unruhige Seele“. Das Studium japanischer Kurzlyrik in deutscher Übertragung hat sich damit gelohnt. Schaut in das wieder einmal wunderbar konzipierte und gestaltete Sammelwerk, kauft es und spendet damit einer guten Sache! Weitere Infos zu allen Autoren gibt es auf https://www.sternenblick.org

Lassen wir also die literarische Bombe endgültig platzen

•21. Mai 2017 • Kommentar verfassen

 

Ab sofort bin ich Herausgeber und Projektleiter der sozial-politischen und nicht kommerziellen Literaturzeitschrift „The Transnational“. Das Magazin wird bisher einmal jährlich erscheinen und sammelt Poeten aus aller Welt, die sich zu Sozialem und Politischem literarisch äußern wollen. Das Konzept des Transnational sieht vor, jeden Text, egal ob Gedicht, Geschichte, Drama, Aphorismus oder Essay, sowohl in Englisch als auch in Deutsch zu publizieren. Dabei wird die Vielfalt der Meinung zelebriert, die im Sinne einer demokratisch aufgeschlossenen Welt das Nachdenken, Überdenken und Diskutieren anregt!

 

Wer mitmachen möchte, klicke auf unsere neue Website, die nun kontinuierlich mit Inhalten ergänzt wird. In diesem Zuge möchte ich mich bei den Designern Marc Wippich und Dave „The Freak“ Scholze für die grandiose Arbeit bedanken. Und vor allem bei Sarah Katharina Kayß, die mir die große Chance gab, das Projekt weiterleben und fortführen zu lassen!

 

Neue Infos rund um das Mitarbeiterteam und zu der neuen Ausgabe werden nach und nach aktualisiert und ergänzt. Teilt die frohe Botschaft, macht mit und genießt ein Projekt, welches weltumspannend in die nächste Runde gehen wird!

 

Neue Website: www.the-transnational.com

Und einen blauen Daumen für die Facebookseite: https://www.facebook.com/TheTransnationa

De Bügelatione

•25. April 2017 • Kommentar verfassen

Ein rasches Zwinkersmiley-Vorwort

Die Zeitungen, Klatschblätter und Literaturmagazine schrieben vorab: „Ist das Kunst oder kann das weg?“; „Verse, die die Welt nicht braucht.“; „René Kanzler wettert gegen schlechte Lyrik und dann so etwas“; „Dreht er jetzt völlig durch?“; „Ein sinkender Stern am Lyrikhimmel“; „Bye, bye René Kanzler!“ Mehrere Brennpunkte mit dem Schwerpunkt „Der Fall der Dichtung“ wurden gesendet, bei Anne Will diskutierten die Gäste ebenso rege wie bei Plasberg über den jetzigen Scheidepunkt deutscher Versliteratur. Auf N-TV gab es die ersten Dokus mit original Schwarzweißarchivaufnahmen und Experteninterviews über das Leben des einst so hochangesehenen Dichters. Und schließlich warnt der Verbraucherschutz seit Neustem: „Das Lesen dieser Verse birgt ein erhebliches Hochdruckrisiko!“

Doch was nützt es, dem Geschmack der Allgemeinheit zu folgen? Wer etwas als Autor zu sagen hat, der schreibe es – so kunstvoll, mit so viel Gefühl, Verstand und Handwerk, wie es nur geht. Die Meinung der Masse ist kein Kriterium für die Güte der eigenen Kunst.

Noch jüngst tauchte ein Pergament mit den Versen eines neuen Dichterideals auf. Forschung und Wissenschaft wie Kunst und Kultur waren entsetzt. Dieses Ideal durfte, ja dürfte niemals Realität werden. Doch eben jene Realität holte mich längst ein. Daher musste ein Zeichen gesetzt werden, ein Zeichen gegen Zusammenhangslosigkeit, ein Zeichen gegen Satzzeichenlosigkeit, ein Zeichen für Metrum, ein Zeichen für Reime, aber auch ein Zeichen für den freien Vers.

Und wie könnte man besser derartig viele Zeichen setzen, wenn nicht mit tiefempfundenen Liebesgedichten. So entstand die nachfolgende, überschaubare Sammlung mit dem Titel „De Bügelatione“ – Verse, die jedes Herz höher schlagen lassen werden, Verse von noch nie verdichteter Wahrheit über das Wahre im Leben. Und wer weiß, vielleicht schreibt einst die Angebetete zurück und erwidert, was die Verse so klar zum Ausdruck bringen.

 

Viele Freude beim Lesen! Zwinkersmiley

 

De Bügelatione

 

Es besteht doch keine Pflicht,

Liebchen, etwas auszuklügeln,

bin ich doch ein schlichter Wicht;

leicht kannst Du mein Herz beflügeln.

Viel bedarf es dazu nicht:

Nimm mein Hemd, Du sollst es bügeln!

Und wenn dann das Morgenlicht

rein auf blondverdeckten Hügeln

schillernd strahlt, werd’ ich mich schlicht,

ach mein Liebchen, nicht mehr zügeln!

 

Die Moral von dem Gedicht:

Wonne bringt des Liebchens Bügeln

und ein Lächeln ins Gesicht!

 

Sehnsuchtsvoller Nachtrag:

Ach Liebchen, Du willst mir nicht schreiben

auf mein gar zuckersüßes Buhlerwerk.

Doch sag’, wie lang soll er noch bleiben,

der Dir längst anvertraute Bügelberg?

 

Tränenbenetzter Nachtrag:

 

Du gingst. Nun bin ich nicht mehr dein.

Drum bügel’ ich hier ganz allein.

Der Hausfrau Arbeit ist nun mein.

Wer mag mein neues Liebchen sein?

 

Trotzig-zynischer Nachtrag:

Liebchen, ich mach’s kurz und bündig!

Längst schon hab’ ich Dich vergessen

Längst schon wurd’ ich wieder fündig.

Liebchen, nur für Dich verkünd’ ich:

Bügel’ nie, das wär’ vermessen!

 

Entsetzter Nachtrag:

 

Stimmt es, Liebchen? Bügelst nun

von manch’ Fremden

deren Hemden?

 

Wie weit, wie weit ist’s mit dir

nur gekommen?

Bin benommen.

 

Komm’ doch wieder, um dann mein

Bügeleisen

anzuschmeißen.

 

Schmuddeliger Nachtrag:

Lass mich dein Bügelbrett,

sein, oh witziges Liebchen,

ganz hart und fest, wie gewohnt,

auf dass dein heißes Eisen,

gerne erst auf fremden Hemden,

seinen Dienst erfülle.

Oh lüsternes Liebchen, ich weiß

ob des Errötens deiner Wangen,

wenn du diese Verführung liest.

Ergib dich dem Gedanken

und lass mich dein Brett sein!

Ich will die beißende Hitze

deiner Bewegungen spüren

und mir gewahr werden,

dass du wieder bei mir, ach,

für mich, wie gewohnt, bügelst.

Ein großer Berg erwartet dich.

Du willst es doch auch!

 

Flehender Nachtrag:

 

Mein Hemd, das knittert fürchterlich

und sehnt sich arg nach deinen Händen.

Wenn diese sich jetzt hier befänden,

das wär’ ein Bügelglück für mich.

 

Oh Liebchen, wie oft denke ich

ans Hemdenglätten und ans Falten,

an dein so liebesvolles Walten,

das stets dem einer Göttin glich?

 

Mein Liebchen, meine Göttin sprich!

Hast du mich nicht genug geschunden

mit Einsamkeit in Knitterstunden?

Mein Hemd und ich, wir brauchen dich!

 

Sorgenerfüllter Nachtrag:

Ich hörte jüngst von deinen Reisen

ins Ferne mit dem Bügeleisen.

Man sagte, es sei abgekühlt.

Ich gesteh’, das hat mich aufgewühlt.

 

Fatalistischer Nachtrag:

 

Das Trinken habe ich begonnen.

Mehr blieb mir schließlich nicht.

Mein Lebensglück ist gar zerronnen.

Nur Stroh macht mich noch dicht.

 

Die Stadt weiß gut, wie sehr ich stinke

nach schlechtem, braunem Rum,

und bleibt, wenn ich im Vollsuff hinke,

stets angewidert stumm.

 

Des Nachts, wenn alle lieblich schlafen,

dann singe ich ein Lied.

Damit will ich das Liebchen strafen,

das herzlos von mir schied.

 

„Mein Hemd hat tausend Knitterfalten!

Du wolltest es doch so!

Hät’st Du das Bügeln beibehalten,

dann bräucht’ ich nicht den Stroh!“

 

 

Ein fast letzter Nachtrag:

Ach Liebchen, so wie ich hier schreibe,

und drum noch kurz am Leben bleibe,

erlaube mir, dir ohne Klagen

mit ganzem Herzblut schlicht zu sagen:

Dein Bügeln, das war sicherlich

das größte Lebensglück für mich.

 

Ein dithyrambischer Nachtrag:

Die Nacht ist alt.

Der Stroh ist leer.

Auf einem Bordstein,

da sitzt er zweifelnd

mit Tränenaugen.

Die Stadt, die schläft

und will nichts wissen

vom schwersten Leid

des Tiefbetrübten

und längst Verstummten.

Doch just entfacht

der Stroh sein Wirken.

Die leere Flasche,

die klirrt im Nichts –

also spricht er:

Was soll es? Was soll das Darben?

Ich bin kein Darber, ich bin ein Macher,

ein Geher, ein Schreiter, ja ein Mann!

Drum reiße ich jetzt und hier,

oh dunkle Städtenacht,

sieh den glorreich Auferstandenen an,

mir das Knitterhemd vom Leib,

zerreiße und schmeiße es,

wohin auch immer ich –

hörst du es in der Ferne? –

wohin ich, ich allein es will.

Diese faltenlose Stadt,

bügelglatt und wohl zusammengelegt,

ja sie soll mich hören!

Ich brauche kein Hemd!

Wer braucht das schon?

Götter sind nackt! Sie sind nackt!

Hörst du meine Worte

in deiner selbsterwählten Ferne?

Lass dort dein Eisen glühen und glätten

für jedes Aas,

für jeden Arsch,

dessen stinkendes Lumpenhemd

deinen zarten Hände, oh Liebchen

– des Nachts –

 nicht mehr ruhen lässt!

Schieb es nur hin und her

und auf und ab

auf fremden Hemden

und lächele so süß,

so unendlich treu und lieb,

ist dein Liebchenwerk getan!

Aber horch, oh Liebchen, horch!

Ich trage nimmermehr ein Hemd!

Götter sind nackt!

Er schreit noch weiter.

Die Stadt, die stört’s,

drum schreit sie mit

und wirft nach ihm

mit einem Eisen.

Er solle selbst

das Bügeln lernen

und endlich schweigen.

Er schaut verdutzt

und wundert sich.

Als er das Eisen

nun greifen will,

reicht eine Hand

so zart und lieb

alsdann ein Shirt.

2. Das aufgetauchte Pergament

•29. März 2017 • Kommentar verfassen

Es ist exakt 1:34 Uhr. Die Stadt ist nebelverhangen. Sie schweigt. Hier und da leuchtet noch ein Fenster. Bald legt sich auch der letzte schlafen. Eine Ratte wagt sich auf die einsame Straße, um gleich darauf im Gebäude eines verlassenen Fabrikgeländes zu verschwinden. Neugierig blickt sie dort umher. Das Geräusch von quietschenden Reifen durchdringt den Nebel. Sie erschrickt. In einer der zahlreichen Lagerhallen findet sich ein Auto ein. Das schwarze, kennzeichenlose Fahrzeug mit verdunkelten Fenstern hält vor einer Wand und bestrahlt sie beißend mit dem Fernlicht. Die Ratte ergreift die Flucht und verliert sich in der Nacht.

Es ist nun exakt 1:39 Uhr. Zwei kräftig wirkende Männer mit Sonnenbrille zerren einen dritten von der Rückbank des Wagens. Der Dritte, klein und schmächtig, hat einen Jutesack über dem Kopf. Seine Hände sind gefesselt. Die beiden stoßen und schubsen ihn zur scheinwerfergrellen Wand. Aus der Beifahrertür steigt ein älterer Herr mit Sonnenbrille, sich auf einen goldenen Gehstock stützend.

„Hior unn sow, weg middn Sagg, Jungs!“, befiehlt er. Seine Lakaien gehorchen wortlos. Der Schmächtige wird sofort geblendet. Er ist verwirrt und kann sich nicht orientieren. Mit kurzen Handgriffen holt der Alte eine Zigarette hervor, zündet sie an, nimmt einen tiefen Zug und steckt sie dem Schmächtigen in den Mund. „Junge, duw mussd och ma üborlechen, was de machsd! Schonne ma was von Saddiere gehörd? Gannsd doch nisch immor alles sow ernsd nehm. Abor gud, willsde zum Schluss noche was laborn?“, fragt er kühl, während bereits hinter ihm eine P99 durchgeladen wird.

Der Schmächtige spuckt die glühende Zigarette aus, hält eine bedeutungsschwangere Pause und brüllt:

„Das Pergament muss vorgetragen werden! Und nichts mit Saddiere! Das Pergament offenbart ein Ideal für alle Poeten dieser Welt! Es muss vernommen werden!“

Die Lakaien schauen verdutzt. Der Alte zieht sich achselzuckend zurück. Mit einer Handgeste gestattet er dem Schmächtigen noch ein wenig weiterzusprechen.

„Jahrelang habe ich dieses Pergament erforscht. Ich wusste, es beinhaltet eine große Botschaft. Jede Dichterin und jeder Dichter fragten sich bisher, wie sie am besten schreiben, wie sie ewigen Ruhm und Herzen aller Lesenden und Hörenden erreichen könnten. Keiner wusste je, eine befriedigende Antwort zu geben; alles verlor sich in differenziertem Gequatsche. Aber endlich fand ich das Schriftstück und mit ihm die ultimative Anleitung zum perfekten Schreiben. Forscherkollegen sprachen von einem satirischen Schriftstück. Ich sollte alles nicht so ernst nehmen. Aber alles ist wahr! Alles, was da geschrieben steht, ist so rein, so perfekt, so unendlich vollkommen! Jaja, die Kollegen fürchteten sich vor einer neuen Art Dichter. Ach fürchteten sie sich! Aber nun soll es die Welt endlich hören. Hier, das ist das Gedicht, welches ich auf dem Pergament fand, ein Vermächtnis einer besseren Zeit, eine Sammlung von Leitgedanken, die Generationen von Dichterinnen und Dichtern zu Höchstformen antreiben werden.“

Er räuspert sich und nimmt im Scheinwerferlicht eine heroische, eine sehr heroische Pose ein. Aus dem Kopf rezitiert er seine Forschungsergebnisse:

 

„Leitgedanken des heutigen, nicht nur deutschen, Dichterideals

 

Ich schreib’ mal groß, ich schreib’ mal klein.

Es braucht nicht alles richtig sein.

Grammatik, nutzt doch nie ein Aas.

Erst ohne sie macht’s Schreiben Spaß!

Von Zeichensetzung halt’ dich fern.

Erst ohne sie liest man mich gern’!

 

Wenn es mich juckt, dann reime ich.

Doch wenn es zieht, dann besser nich’.

Ich bin so prächtig abgefeimt,

bestimme ob und was sich reimt!

Im Metrum reime das Gedicht?

Ach so ein Quatsch! Das brauch’ ich nicht!

 

Zusammenhänge oder Sinn –

die bringen keinem Vers Gewinn.

Und mein Gedicht versteh’ nur ich.

Du  etwa nicht? Was kümmert’s mich?

Mein Ausdruck, der ist nimmer schlecht.

Der Leser liest den Text nie recht!

 

Beraten lasse ich mich nicht,

versperr’ mich stets vor fremdem Licht.

Was ihr mir sagt, ist einerlei.

Ich bin ein Künstler, ich bin frei.

Ich schreibe viel, ich schreibe gern.

Ich bin der hellste Dichterstern.“

 

Unmittelbar nach dem letzten Vers kracht ein Schuss und scheint ewig durch die Nacht zu hallen. Es ist exakt 2:12. Irgendwo in der Ferne beschleunigt die Ratte ihren Schritt. Er fällt zu Boden. Eine Lache breitet sich aus. Das schwarze, kennzeichenlose Fahrzeug flüchte aus der Lagerhalle. Bevor ihn sein Leben verlässt, lächelt er vergnügt. Es ist exakt 2:13. Im davoneilenden Wagen rezitiert der Alte auf dem Beifahrersitz Ringelnatz: „Een Lusddmord inn Ehrn, gann niemand verwehrn!“

1. Der Zwinkersmiley

•28. Januar 2017 • Kommentar verfassen

Es ist exakt 1:34 Uhr. Die Stadt ist nebelverhangen. Sie schweigt. Hier und da leuchtet noch ein Fenster. Bald legt sich auch der letzte schlafen. Eine Ratte wagt sich auf die einsame Straße, um gleich darauf im Gebäude eines verlassenen Fabrikgeländes zu verschwinden. Neugierig blickt sie dort umher. Das Geräusch von quietschenden Reifen durchdringt den Nebel. Sie erschrickt. In einer der zahlreichen Lagerhallen findet sich ein Auto ein. Das schwarze, kennzeichenlose Fahrzeug mit verdunkelten Fenstern hält vor einer Wand und bestrahlt sie beißend mit dem Fernlicht. Die Ratte ergreift die Flucht und verliert sich in der Nacht.

Es ist nun exakt 1:39 Uhr. Zwei kräftig wirkende Männer mit Sonnenbrille zerren einen dritten von der Rückbank des Wagens. Der Dritte, klein und schmächtig, hat einen Jutesack über dem Kopf. Seine Hände sind gefesselt. Die beiden stoßen und schubsen ihn zur scheinwerfergrellen Wand. Aus der Beifahrertür steigt ein älterer Herr mit Sonnenbrille, sich auf einen goldenen Gehstock stützend.

„Entfernt den Sack, Amici!“, befiehlt er. Seine Lakaien gehorchen wortlos. Der Schmächtige wird sofort geblendet. Er ist verwirrt und kann sich nicht orientieren. Mit kurzen Handgriffen holt der Alte eine Zigarette hervor, zündet sie an, nimmt einen tiefen Zug und steckt sie dem Schmächtigen in den Mund. „Du hast die Familie enttäuscht! Deine Meinung, wie soll ich sagen, entspricht nicht der unseren! Hast du irgendwelche letzten Worte, mein alter Freund?“, fragt er kühl, während bereits hinter ihm eine P99 durchgeladen wird. Der Schmächtige spuckt die glühende Zigarette aus, hält eine bedeutungsschwangere Pause und brüllt:

 „Zwinkersmiley!“

Alle schauen verdutzt. Der Alte zieht sich nach kurzer Überraschung langsam zurück. Mit einer Handgeste gestattet er dem Schmächtigen aber weiterzusprechen.

„Wir wissen alle, dass soziale Netzwerke ein Hort der Asozialität sind. Wie wäre auch sonst die große Mehrheit der Kommentare zu deuten? Wie wäre es sonst Beatrix von-und-zu-gebracht-vom Storch zu erklären oder dass die Nuss-Püree-Dill-Partei jeden Tag ungestraft hetzen und falsch informieren darf? Aber die gesamte Asozialität mündet und kulminiert in nur einem Phänomen: dem Zwinkersmiley! Diese Ausgeburt einer Hölle, die sich selbst die radikalste Religion nicht einmal vorstellen kann, ist das Zeichen der modernen Antimenschwerdung!

Erst kürzlich gratulierte man mir zum Geburtstag. Am Ende der Copy-and-Paste-Zeile stand das gelbe Symbol der Arroganz und Überheblichkeit. Was wollte man mir sagen? Etwa, dass man mir nicht alles Gute zum Geburtstag wünschte? Dass hinter dem Wunsch vielleicht etwas viel Höheres zu finden sei, als es mein begrenzter Verstand erfassen könne? Dass man mich auf die wahre Bedeutung dieser eigentlich hingeschissenen Zeilen hinweisen müsste?

Oh, wie demütig fühlte ich mich doch. Wie niedergeworfen, wie ertappt, wie bloßgestellt! Mit welcher Erhabenheit man mich meiner Unwissenheit über die eigentliche Tiefe einer Phrase zum Geburtstag überführte! Ich dachte, ich hätte Wissen, ich dachte, ich hätte Orientierung, doch der Smiley raubte mir alles, auf dass ich auf den eisigen Boden der asozialen Realität stürzte.

Jeder zeigt, wie viel mehr er weiß und kann und darf, wenn er nur den Zwinkersmiley setzt. Das gelbe Ungetüm ist der Ausdruck eines Wunsches, über den Dingen zu stehen, den Angeschriebenen von oben zu betrachten, ja die ganze Menschheit aus luftiger Höhe zu sehen, um auf sie Allerweltsgedanken, Seelenkotze und Gleichschrittbanalitäten zu rotzen, ihnen aber den Anschein von Größe, Erhabenheit und sogar Heiligkeit zu geben, indem eine lächerliche Zeichenkombination ans Ende gesetzt wird, die sich im Zwinkern objektiviert.

Mein Vorsatz ist es, dieser Zwinkersmileysekte den Glauben zu nehmen, sie ihrer Dummheit, ihrer Asozialität zu überführen, ihnen das Maul mit „lol“ und „rofl“, und wie die alle heißen, zu stopfen, bis sie erkennen, dass sie nur eine Konsequenz des Dreckes sind, dem wir uns jeden Tag in asozialen Messen, ich meine Netzwerken, hingeben. Das ist mein Vorsatz, so wahr ich hier stehe!“

Als der Schmächtige verstummt, kracht sofort ein Schuss und scheint ewig durch die Nacht zu hallen. Es ist exakt 2:12 Uhr. Irgendwo in der Ferne beschleunigt die Ratte ihren Schritt. Er fällt zu Boden. Eine Lache breitet sich aus. Das schwarze, kennzeichenlose Fahrzeug flüchtet aus der Lagerhalle. Bevor ihn das Leben verlässt, lächelt er vergnügt. Die Stadt schweigt. Alle Fenster sind nun dunkel. Es ist exakt 2:13 Uhr. Aber welcher Arsch interessiert sich schon für die genaue Uhrzeit?

Kurze Anmerkungen zu Gedichten mit traurigem Inhalt

•23. Dezember 2016 • 6 Kommentare

„Ich wünscht’, ich wäre ein Vöglein

Und zöge über das Meer;

Wohl über das Meer und weiter,

Bis dass ich im Himmel wär’“

 

Diese Verse bilden die letzte Strophe des Gedichtes „Stille“ von Eichendorff. Das Gedicht ist insgesamt mit einem tief melancholischen Unterton versehen, der sich in jener Strophe auf besondere Art und Weise dem Lesenden zu verstehen gibt. Erst scheint es, als wollte das lyrische Ich einem Vogel gleich frei in die Ferne und über das weite Meer fliegen, ja sogar noch ferner in die endlosen Weiten des blauen Himmels, der sich am Horizont über dem Meer erstreckt. Doch der Himmel kann ebenso als Endpunkt angesehen werden, als das Reich Gottes, in diesem das Leben nach dem Tod wartet. Insofern können die vier Verse sowohl so verstanden werden, dass das lyrische Ich in die Ferne fliegen will, als auch auf die Art, dass es in seinem Weltenschmerz gefangen eine Todessehnsucht verspürt.

Es ist im Falle des Gedichts Eichendorffs gleichsam müßig wie für alle Gedichte mit traurigem, melancholischen oder allgemein düsteren Inhalt, nachzufragen, was wohl der Autor in diesem Moment dachte und wie er sich damals oder momentan fühlt. Dieses Interesse ist nur Folge einer voyeuristischen Neugier unserer Tage, die am eigentlichen vermeintlichen Leid des Schreibenden gar nicht interessiert ist, sondern lediglich daran, zu überprüfen, ob die wilden Vermutungen, die man beim und nach dem Lesen anstellte, tatsächlich zutreffen oder nicht. Man will im Grunde nur wissen, ob man diejenige ist, die in mancherlei Versen verdammt wird, ob man derjenige ist, dem ein lyrisches Ich Rache geschworen hat, ob der Autor tatsächlich eine Trennung durchlebte oder irgendetwas erlebte und so weiter …

Dieses voyeuristische Interesse wird leider durch viele Autoren genährt, die absichtlich ihre Texte so konzipieren, auf dass sie gerade zu schreien: „Lest diese Verse und stellt wilde Vermutungen an. Zeigt mir, dass ich für euch interessant bin.“ Ich will nicht sagen, dass es falsch ist, sehr persönliche Gedanken niederzuschreiben. Doch entweder sollten die entstandenen Texte nicht veröffentlicht werden (denn deren Qualität ist in der Regel miserabel, wie jüngst unzählige Betroffenheitsslyriker nach den Ereignissen in Berlin zeigten) oder so konzipiert werden, dass der Autor dahinter in gewissem Sinne verschwindet. Und er verschwindet genau dann, wenn er nicht eins zu eins seinen Fall niederschreibt, sondern ein Gedicht verfasst, welches ein Grundmotiv zur Schau stellt, und zwar genau so, dass sich die Lesenden selbst darin wiederfinden können. Das Gedicht „Stille“ ist dafür eines der besten Beispiele Eichendorffs. Gelingt dies dem Dichter, verebbt das voyeuristische Interesse und der Lesende wird eher dazu veranlasst, selbst zu reflektieren, wieso ihn jene Verse derartig ansprechen, in welcher Lage er sich befindet, wie diese Lage bewältigen kann … Durch das Wiederfinden in der Trauer eines Gedichtes und der anschließenden Selbstreflexion vermögen Gedichte, wie unter anderem „Stille“, einen Katharsis-Effekt auszulösen. Sie veranlassen uns zum Nachdenken, auf dass wir im besten Falle eine Reinigung unseres Seelenlebens genießen dürfen.

In einer Zeit, in der es immer mehr verpönt zu sein scheint, seine Trauer grundehrlich zu zeigen, wollte ich dem Eichendorffschen Vorbild folgen und Texte schreiben, in denen sich der Lesende wiederfinden kann, ohne Vermutungen über den Autoren anzustellen. In diesem Zuge ist die nachfolgende Textsammlung entstanden. Neben den traurigen bis melancholischen Inhalten zeigen die unterschiedlichen Texte verschiedene Gedichtarten. Unter anderem sind neben bekannten Liedstrophen Texte in freien Metren zu lesen und ich wagte mich einmal mehr an eine Textform, die aus dem Kapitel „Des Nachts“ aus meinem Buch „Der Kairos“ dem ein oder anderen bekannt sein dürfte.

Vielleicht gelang es mir, das hochgestochene Ziel zu erreichen, ein wenig Eichendorff nachzukommen, vielleicht bin ich kläglich gescheitert. Ich freue mich auf euer Feedback und wünsche eine interessante Lesezeit.

 

 

Ausweglosigkeit

 

Unter nächtlicher Erde,

beschienen vom fahlen Mondlicht,

liegt Altes begraben.

Leises, fernes Meerrauschen

lockt meine Seele hinfort.

Doch sie muss bleiben.

Ich muss bleiben.

 

Auf dem Felde

Bitterlich klagen die Raben

auf längst kahlen Ästen.

Ruhe bringt die Abendkälte.

Mit matten Farben

weist der Horizont

meinen Sehnsuchtsblick ab.

Was nützt das Seufzen?

Es bleibt doch unverstanden.

 

Auf einem blauen Berg

 

Auf einem blauen Berg,

da will ich heute stehen

und jeden Wanderweg

im Nebel ruhen sehen.

 

 Vom Gipfel würde ich

mit freiem Lachen springen

und meine Lebensmär

zu einem Ende bringen.

 

Bernsteinhimmel

Kaum streicheln noch

die Seewogen das Kiesufer.

Unter dem Bernsteinhimmel

seufze ich in mich hinein.

Wärst du hier, ach,

den Himmel würdest du

ja doch nicht verstehen.

 

Ende

 

Nun liege ich –

durch mich zerbrochen,

in Teilen zerstreut –

und sehe, wie alles

sich im Weltenlauf entfernt.

 

Hätte ich noch Hände,

ich griff nach mir.

Hätte ich noch Beine,

ich lief’ zu mir.

 

Doch nun liege ich –

durch mich zerbrochen,

in Teilen zerstreut –

Mir war ich ein Feind.

Ich siegte und verlor.

 

 

Sommergewitter

Sommergewitter

erhellen die Wüstennacht

und fordern Tribut.

 

Nacht nach vier Jahren

 

Schritt um Schritt kam meine Nacht.

Schritt um Schritt gab ich mich auf.

Jetzt nimmt alles seinen Lauf.

Was nur habe ich gemacht?

 

Schritt um Schritt ging ich stolz mit.

Schritt um Schritt vergaß ich mich.

Nach vier Jahren wurde ich,

was ich einst so wild bestritt.

 

Schritt um Schritt betäubt die Pein.

Schritt um Schritt entflieht mir Kraft.

Horch, oh Nacht, es ist geschafft!

Endlich bin ich ganz allein.

 

Kieselstein

Über einen dämmerfarbenen

Sommersee

gleitet ein prächtiger

Kieselstein,

bis er

plötzlich

versinkt.

Niemand wird ihn finden.

Ich beneide ihn.

 

Schneekristall

Der Morgenwind blies scharf und rau.

Am Stadtteich wollte niemand weilen.

In ihm zog dichtes Wolkengrau.

Die Wellen wollten es zerteilen.

Ich sah im Teich vom Uferrand

mein Spiegelbild im Grau zergehen.

Und wie ich dort alleine stand,

begann der Wind noch mehr zu wehen.

Vom Himmelszelt im Taumelfall

kam sanft auf meine Hand hernieder

ein leuchtend reiner Schneekristall.

Ein Lächeln kam mir erstmals wieder.

Für einen frohen Atemzug

war jeder Klagelaut vergangen.

Mein Geist war frei, mein Herz, es schlug

entfacht von vielerlei Verlangen.

Alsdann begann die weise Pracht

von meiner Zitterhand zu scheiden.

Sechs Eiseszacken schmolzen sacht.

Ich konnte alles nicht vermeiden.

Auf einmal war ich fern und tief

in meinen tobenden Gedanken.

Und als ich deinen Namen rief,

erschrak ich mich und kam ins Wanken.

Du bliebst so lang in deinem Glück.

Dir wurde es mit Stolz gegeben.

Nur kurz kamst du zu mir zurück

und lebtest schon ein neues Leben.

„Sag’! Weiß du denn noch, wer ich bin?“

Ach, wie rhetorisch war mein Fragen!

Doch dir kam nicht mehr in den Sinn,

als mir gelangweilt „Nein.“ zu sagen.

Als Wassertröpfchen tränengleich

fiel jener Schneekristall hinunter.

Ich schaute starr und wurde bleich.

Im Geiste sah ich dich mitunter.

Noch weilte ich im grauen Schein.

Es wurden viele Kältestunden.

Ich sog das Grau in mich hinein

und wurde dann nie mehr gefunden.

 

 

Ohne Hoffnung

 

Ein letzter Sonnenstrahl

verlässt meinen Körper.

Im Winterabendblau

verliert sich jeder Atemzug.

Mein Zitterblick sehnt sich

in Richtung Horizont.

Er ist leer.

Langsamer schlägt mein Herz.

Ich bewege mich nicht mehr.

 

Selbstgespräch

Im Mondwald saß ich gestern still.

Mein Herz, es schlug beklommen.

Es wusste nicht mehr, was es will.

Ich war vom Schmerz benommen.

Doch von dem Himmel fiel ein Licht

mit engelsgleichem Schimmer.

Es gab mir Wärme, gab mir Sicht

und nahm mir mein Gewimmer.

Du armer, ach du armer Wicht,

ein Engel kam geflogen?

Du weißt, so etwas gibt es nicht.

Du hast dich selbst betrogen!

Das war ein Werk der Fantasie.

Davon ist nichts geschehen.

Ach, Aberglaube wird wohl nie

in dieser Welt vergehen.

Du hast bestimmt mit allem Recht.

Ich will es nicht bestreiten.

Es war ein Traum und nichts war echt.

Ich ließ mich wohl verleiten.

Doch wird das Denken eine Last,

will ich zumindest träumen.

Ich suchte Ruhe, suchte Rast

im Mondwald unter Bäumen.

 

Später Erkenntnis

Meine Augen sind salzverkrustet.

Aus meinen Mund dringt Staub.

Weh mir! Weh mir!

Ich berge eine Wüste.

 

Verkopft am Grenenstrand

 

Es sei an der Zeit?

Lass deine Liebkosungen!

Hinfort mit dir!

Der Aufbruch stünde bevor?

Dann geh! Geh mit deinem Kopf!

Am Grenenstrand will ich

starren, zittern, leiden!

Verstehst du nicht?

Ich will fühlen!

 

 

Verlorene Winterzeiten

Die Winternacht ist trüb und lau.

Nicht eine Flocke wird sich zeigen.

Mein Herz, du weißt es ganz genau:

Im Schwarzen wirst du heute schweigen.

War es nicht erst vor einem Jahr,

als ich von weißen Feldern schwärmte

und ich vom Glück benommen war,

als ich noch deine Hände wärmte?

Statt Schneefall setzt nun Regen ein.

Ach, Hoffnung kann doch nur verleiten!

Drum schweig, mein Herz, im Schwarz allein.

Verloren sind die Winterzeiten.

 

Weltenbrand

 

Erstarkt eines der vier Elemente,

folgt alsdann der Weltenbrand,

auf dass alles vergeht

im letzten und ersten Flammenmeer.

 

Draußen brechen die Wolken.

Die Kanäle sind voll.

Die Dämme brechen.

Mich überkommt die Hoffnung.

 

 

Wenn …

(oder: Die letzten Verse)

Wenn über stillen Lindenbäumen,

der Mond die Nacht erhellt

und alle voller Hoffnung träumen

von einer bess’ren Welt,

bin ich mit sehnsuchtsvollem Pochen

in meiner Brust längst aufgebrochen.

Mich führt allein das Sternenzelt.

In fremde Spuren trete ich,

um keine selbst zu hinterlassen.

Die Sterne nur begleiten mich.

Wir wissen, uns kann niemand fassen.

Die Menschen liegen hinter mir.

Entflohen bin ich ihren Massen.

Entfliehen wollte ich auch dir,

um dich, oh Liebe, nicht zu hassen.

Wenn immerzu die Ähren rauschen,

der Wind nun Wolken bringt,

die Felder meinen Schritten lauschen,

der Mond allmählich sinkt,

vergesse ich mein altes Leben,

mein Sorgen, Fürchten, alles Streben.

Und schaut, wie leicht mir das gelingt!

Ich reiße alle Brücken ein,

die Tal und Flüsse überqueren.

Ich will ein Namenloser sein

und allem meinen Rücken kehren.

Nun denkt von euch nicht allzu gut!

Euch Menschen kann ich leicht entbehren.

Und nimmermehr von meinem Blut

wirst du je wieder etwas zehren.

Wenn mit den ersten Sonnenstrahlen

mein neuer Tag beginnt,

euch aber unter Alltagsqualen

die Lebenszeit verrinnt,

dann flucht und neidet in der Ferne,

dass eure Nacht, die Silbersterne

und schließlich ich verschwunden sind.

 

 

Was ein Dichter von einem Maler lernen kann

•29. September 2016 • Kommentar verfassen

Der Caspar-David-Friedrich-Weg in der Sächsischen Schweiz

Im Sommer 2016 nahm ich die Gelegenheit wahr, den Caspar-David-Friedrich in der Sächsischen Schweiz zu bewandern. Dieser führt auf einem Rundweg vom einstigen Fischerdorf Krippen nach Schöna, von dort aus nach Reinhardtsdorf und wiederum nach Krippen.

Welcher Reiz geht von diesem Weg aus? Zwar wandert man durch dichte Wälder, entlang einiger Bauernhöfe mit Weideflächen und auf so manchen kleinen Berg beziehungsweise Felsen, doch abenteuerliche Wege wie über die Schramm- und Affensteine oder Aussichten wie von der Festung Königstein, der Bastei oder dem Lilienstein sieht man nicht. Es wohnt dem Weg ein anderer, aber ganz besonderer Zauber inne.

1813, als die Befreiungskämpfe gegen Napoleon nunmehr auch in Dresden tobten und die Lebensbedingungen unerträglich wurden, reiste Caspar David Friedrich, ein bekennender Napoleon-Gegner, nach Krippen. Während seines dortigen Aufenthaltes unternahm er, wie es für ihn typisch war, verschiedene Wanderungen, um Skizzen anzufertigen. Viele der Skizzen wurden für seine bekanntesten Ölgemälde genutzt; allen voran „Der Wanderer über dem Nebelmeer“. Heute dokumentieren elf Schautafeln Friedrichs Wanderrouten und vor allem diejenigen Orte, an denen er seine Skizzen (teilweise vermutlich) anfertigte. Spätestens wenn man die Tafel 8 erreichte, den Blick Richtung Böhmische Schweiz vom Wolfsberg aus genießt und dieses Gefühl hat, die vor einem sich majestätisch zeigenden Felsen und Berge auf merkwürdige Weise als sehr vertraut zu empfinden, erklärt sich der Reiz des Wanderweges. Da steht man also, wo einst einer der größten Maler der Weltgeschichte seine Skizzen anfertigte. Da sieht man also den Zirkelstein und den Rosenberg, die im „Wander über dem Nebelmeer“ aufgenommen wurden.

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Abbildung 1: Blick vom Wolfsberg Richtung Böhmische Schweiz (eigene Fotografie)

Am Fuße der zuvor erreichten Kaiserkrone erblickt man jenen Felsen, auf dem der Wanderer das Nebelmeer überblickt.

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Abbildung 2: Am Fuß der Kaiserkrone (eigene Fotografie)

Von diesen und ähnlichen Bildern und Aussichten war ich tief beeindruckt. Gleichzeitig kam in mir ein Gefühl tiefster Verbundenheit mit Friedrich aber auch mit der Epoche der Romantik im Ganzen auf. Ich beschäftigte mich in den folgenden Monaten intensiv mit Friedrich, insbesondere mit seiner Kunstauffassung. Denn ich wollte wissen, was ich von einem Maler als Dichter lernen könnte. Und ich wusste und fühlte, dass ich von ihm einiges zu lernen habe.

Im Folgenden skizziere ich Friedrichs Kunstauffassung und stelle dabei Bezüge zur Dichtung in Theorie und Praxis her. Ich arbeite dabei ausschließlich mit Gedanken und Äußerungen des Malers. Als Quellen nutze ich daher seine „Äußerungen“, seine Briefe aber auch seine Bilder und Gemälde. Die angegebenen Quellen beziehen sich immer auf Werke, wo direkte schriftliche Zeugnisse Friedrichs zu finden sind.  Ziel ist es nicht, etwas zur Friedrich-Forschung beizutragen, sondern vielmehr Anregungen zu geben, sich mit Fragen der Kunst in Theorie und Praxis auseinanderzusetzen.

Friedrichs Kunstauffassung

Um in Friedrichs Kunstverständnis einzuführen, zitiert Frank Richter in seinem Buch „Caspar David Friedrich – Spurensuche im Dresdner Umland und in der Sächsischen Schweiz“  Friedrichs Gedanken mit dem Titel „Über Kunst und Kunstgeist“ (Richter, 2009, S. 9). Darin werden „Zehn Gebote“ entworfen, an diesen sich ein Künstler orientieren soll. Friedrich fordert unter anderem, dass ein Künstler auf seine innere Stimme hören und sich von Vielwisserei hüten soll. Der Mensch beziehungsweise der Künstler wird als ein Individuum verstanden, welches seine persönliche Wahrnehmung und Verarbeitung dieser Wahrnehmung hat. Dementsprechend können die Meinungen und Lehren anderer für einen nur dann dienlich sein, wenn eine annähernd gleiche Gesinnung vorliegt. Jemand, der die Natur als ein Zufallswerk ansieht, wird jemandem, der die Natur als Werk voller Ordnung und Harmonie begreift, keine Regeln und Gesetze der Kunst aufbürden können. Die Vielwisserei über die Lehren und Regeln aller möglichen Künstler und Kunstkritiker nützt insofern nichts, als dass damit lediglich die Vernunft angesprochen wird, die eigene Wahrnehmung, das Persönliche oder das Gefühlte aber außen vor bleiben. Jedes wahre Kunstwerk ist ein individuelles Werk einer bestimmten Person (vgl. Hinz, 1984, S. 83f.). Es nützt demzufolge nichts, wenn ein Künstler den Stil, Perspektiven, Sichtweisen und Techniken eines seiner Vorbilder bloß nachahmt. Denn somit entstehen keine individuellen und eigenen Werke, sondern lediglich Kopien. Friedrich gebraucht dahingehend ein geflügeltes Wort, welches in seinen schriftlichen Nachlässen oft zu finden ist: „Keine soll mit fremden Gute wuchern und sein eigenes Pfund vergraben! Nur das ist dein eigenes Pfund, was du in deinem Innern für wahr und schön, für edel und gut anerkennst.“ (Hinz, 1984, S. 83) Das eigene Pfund ist das Individuelle eines Künstlers. Dieses ist zum Ausdruck zu bringen und gibt einem Gemälde beziehungsweise einem Kunstwerk erst seinen eigentlichen Wert.

Anhand dieser Gedanken Friedrichs lässt sich bereits seine Zugehörigkeit zur deutschen Romantik erkennen. Es besteht Einigkeit darüber, dass die Romantiker Kritiker der Aufklärer waren. Die Aufklärer beriefen sich, so die Kritik, alleine auf ihr Vernunftideal und ignorierten dabei die emotionale Seite des Menschen völlig. Friedrich spricht sich ebenso gegen ein reines Vernunftideal aus, wenn er die Vielwisserei und die damit verbundene Abtötung des Gefühls bespricht. Daraus und aus der generellen Kritik der Romantik an der Aufklärung ist jedoch nicht zu schließen, dass die Romantiker einer Opposition zum Ideal der Vernunft darstellen – wie es gerne geglaubt wird. Die Romantik und auch Friedrich wollen den Menschen wieder ganzheitlich betrachtet und verstanden wissen. Die Kritik dieser Epoche ist vielmehr eine Kritik an einer einseitigen Perspektive auf den Menschen. Friedrich notierte diesen Gedankengang mehrfach direkt und indirekt in seiner „Äußerung bei der Betrachtung einer Sammlung von Gemälden von größtenteils noch lebenden und unlängst verstorbenen Künstlern“. Deutlich wird dieser durch die folgenden Bemerkungen über einen Künstler durch Friedrich ausgedrückt:

„Schade, dass dieser Künstler bei so vielen Fähigkeiten und ausgezeichneter Geschicklichkeit geistig tot ist, oder schlimmer noch, sich selbst verleugnet und das eigene Pfund vergräbt und mit fremdem Gute wuchert. […]

Dies Bild ist schön gemacht, doch nicht durchdacht;

es ist erfunden, aber nicht empfunden.

Dies ist tiefempfunden, doch weniger durchdacht

und schlechter noch gemacht.

Dies Bild ist wohl empfunden und reichlich auch durchdacht,

doch weniger gut gemacht.

Dies sind also die Malereien des geistreichen Künstlers X, wie der Lobhudler oder die Unkunde ihn nennt. Was er bis jetzt geliefert, ist nicht mehr als eine Nachäfferei nach Claude Lorrain, nach Vernet und nach Schinkel. Wer selbst Geist hat, kopiert nicht andere.“ (Hinz, 1984, S 86)

Ein Kunstwerk ergibt sich alles in allem aus drei Teilen: Empfinden, Durchdenken und Geschicklichkeit. Das Empfinden (das Gefühl, das Individuelle etc.) ist nach Friedrich der wichtigste Bestandteil eines Kunstwerkes, jedoch nicht der einzige. Das, was empfunden wurde, muss entsprechend dargestellt und arrangiert werden. Dazu gehören Fragen nach der Aufteilung eines Gemäldes, die Formatwahl, Farbwahl usw. Ohne Durchdenken, ohne einen Funken Geist und Vernunft kommt kein Kunstwerk aus. Letztendlich bedarf es einer guten Umsetzung des Gefühlten und Gedachten. Dazu muss der Künstler Geschicklichkeit, das heißt meisterhafte Fähigkeiten mit dem Pinsel oder anderen Instrumenten, an den Tag legen. Es ist sich vom Künstler stets zu fragen: Was empfinde ich? / Wie offenbart sich mir die Natur? Wie kann ich diese Empfindungen darstellen? Erst danach ist an die konkrete handwerkliche Umsetzung des Kunstwerkes zu denken. „Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst siehest dein Bild. Dann fördere zutage, was du im Dunkeln gesehen, daß es zurückwirke auf andere von außen nach innen.“ (Hinz, 1984, S. 92) Alle drei Teile sollen am Ende zeigen, dass ein Individuum mit eigenen Gefühlen, Gedanken und eigener Geschicklichkeit ein Kunstwerk erschuf.  „[W]er immer ängstlich links und rechts nach anderen sich umsieht, wie sie’s tun und halten, in dem möchte wohl nicht viel verborgen liegen[.]“ (Hinz, 1984, S. 96) Friedrich räumt aber ein, und in meinen Augen ist das ein Ausdruck von tiefer Menschenkenntnis, dass eine geistige Verwandtschaft eines Künstlers mit einem anderen dazu führen kann, dass jener ähnliche Werke hervorbringt wie sein Geistesverwandter. „[A]ber diese Verwandtschaft ist weit entfernt von Nachäfferei.“ (Hinz, 1984, S. 87)

Was ist abschließend die Funktion eines Bildes beziehungsweise eines Kunstwerkes? Welchem Zweck dient es? Wieso fertigt man es an? Aus dem bisher Gesagten kann bereits erschlossen werden, dass ein Gemälde für den Künstler eine darstellende Funktion hat. Das, was er empfunden und durchdacht hat, will er (für sich) zum Ausdruck bringen. Folglich ist jedes Gemälde als eine Art Charakterstudie eines Künstlers aufzufassen (vgl. Hinz, 1984, S. 98). Ein Gemälde, das in den Augen Friedrichs mehr sagen kann als Worte (vgl. Hinz, 1984, S. 96), soll ferner Gefühle, Empfindungen und Gedanken beim Betrachten auslösen. Dabei spielt es keine Rolle, ob das die Gefühle etc. des Malers oder des Künstlers sind.  Sollte ein Gemälde dazu in der Lage sein, ist das nach Friedrich das größte Verdienst für einen Künstler (vgl. Hinz, 1984, S. 112). Ziel ist es demnach nicht, nur etwas abzubilden, was man in der Natur sah, sondern so darzustellen, dass die Betrachtung des Kunstwerkes bei den Betrachtenden etwas auslöst. Das hohe Ideal der Naturtreue (also die exakte Darstellung von dem, was ein Künstler gesehen hat) ist der eine Aspekt eines Kunstwerkes. Ein anderer Aspekt ist, das Auslösen von Gedanken und Gefühlen während der Betrachtung. Der zweite Aspekt wiegt nach Meinung Friedrichs höher als der erste. Dies wird besonders in einem Empfehlungsbrief Friedrichs für seinen Schüler August Heinrich aus dem Jahr 1820 deutlich. Dort weist der romantische Maler letztendlich auf etwas Höheres als die Naturtreue hin. Er schrieb:

„[U]nter der treuen Nachahmung der Natur fühlt Heinrich es recht lebendig, dass die Kunst noch eine höhere Form am Künstler und wiederum der Mensch vom Kunstwerke zu machen hat. Nach meiner Überzeugung wäre gerade das reinere, höhere Streben, was an Heinrich betrachtet und belohnt zu werden verdient, umso mehr, da es so selten ist.“ (Zschoche, 2006, S. 148; die Zitate aus dieser Quelle sind der heutigen Rechtschreibung angepasst; Zschoche lässt Friedrichs Rechtschreibung in seinem Sammelband bestehen.)

Sein Schüler, der mit 28 Jahren viel zu jung verstarb, vermochte es im besonderen Maße, über die Naturtreue hinaus Empfindungen und Gedanken bei den Betrachtern seiner Werke auszulösen. Er schien damit viel von seinem Meister gelernt zu haben. Dass dies möglich war, ist in Anlehnung an die obigen Gedanken ein Indiz dafür, dass zwischen Friedrich und Heinrich eine geistige Verwandtschaft bestand.

Die Lehren des Malers für den Dichter

Die nun nachfolgenden Lehren, die aus der Kunstauffassung von Friedrich zu ziehen sind, sind gewiss nicht nur für die Dichtung zu gebrauchen. Ich überlasse es aber den Lesenden anderer Kunstrichtungen, die Lehren auf ihre jeweilige Kunst zu beziehen.

Eine häufig gestellte Frage unter Dichtern ist, wie es gelingen kann, Gedanken und Gefühle bei den Lesenden zu wecken. Um auf diese Frage eine Antwort zu finden, helfen uns Friedrichs Gemälde „Mönch am Meer“ sowie seine Gedanken dazu. Im besonderen Maße löst dieses Gemälde noch heute allerlei Assoziationen und Empfinden in den Betrachtern aus. Das verwundert insofern, als dass das Gemälde nicht viel darzustellen scheint. Betrachten wir Friedrichs Gedanken dazu, lüftet sich das Geheimnis.

„Es ist nämlich ein Seestück, vorne ein öder, sandiger Strand, dann das bewegte Meer, und so die Luft. Am Strand geht tiefsinnig ein Mann im schwarzen Gewand, Möwen fliegen ängstlich schreiend um ihn her, als wollten sie ihn warnen, sich nicht auf [das] ungestüme Meer zu wagen. Das war die Bildbeschreibung […].“ (Zschoche, 2006, S. 64)

Kurz und knapp beschreibt Friedrich also sein wirkungsvolles Gemälde. Ähnlich ging er beim Streit um den „Tetschener Altar“ vor (vgl. Hinz, 1984, S. 133). Der „Mönch am Meer“ wie auch alle anderen Werke Friedrichs sind nicht überladen. Sie zeigen an sich Schlichtes, an sich Weniges, an sich Einfaches. Das Wenige wird jedoch so komponiert, arrangiert und letztendlich illustriert, dass wir angeregt werden, das Kunstwerk zu deuten und zu verstehen. In Friedrichs Werken sind keine komplizierten Anordnungen zu finden. Von Überfüllung macht er keinen Gebrauch. Seine Werke fangen die Blicke der Betrachter ein, indem Szenen, Gegenstände und ihre Anordnung in gewisser Weise simpel dargestellt werden. Jeder Betrachter erhält dadurch einen einfachen Zugang zu seinen Werken. Wir sehen schnell den Strand, den Mönch und das Meer sowie dessen Beziehung zueinander. Diese Einfachheit lässt uns Betrachter aber viel Raum für den anschließenden Prozess, durch diesen Friedrichs Werke wohl immer zeitlos bleiben werden: Wir beginnen, etwas zu fühlen und uns Gedanken zu machen. Im zweiten Teil seiner Bildbesprechungen gibt Friedrich die Bilddeutung oder Bildinterpretation an. Diese ist auch für ihn wesentlich länger und komplexer als seine bloße Bildbeschreibung. Wir erkennen zum einen an seinen ausführlichen Interpretationen, was Friedrich fühlte und anhand der konkreten Umsetzung, was er dachte (vgl. Zschoche, 2006, S. 64 in Bezug auf den „Mönch am Meer“; vgl. Hinz, 1984, S. 133 in Bezug auf den „Tetschener Altar“). Bereits anhand seiner Interpretationen erkennen wir, wie viel mit wenigem ausgedrückt werden kann.

Ich sprach bereits in einem anderen Aufsatz davon, dass moderne Dichter oft zum Komplizierten oder „Überpoetischen“ greifen, damit aber für Unverständlichkeit sorgen und somit einen Zugang zum Text gänzlich verwehren. Analog wäre dies der Fall bei Friedrich gewesen, hätte er beispielsweise unrealistische Naturdarstellungen gemalt oder seine Werke mit Gegenständen überfrachtet. Noch einmal: Das größte Verdienst für einen Künstler ist es, wenn etwas bei den Betrachtenden auslöst. Das setzt voraus, dass das jeweilige Kunstwerk so empfunden, durchdacht und handwerklich ausgeführt ist, dass es den Betrachtenden einen Zugang ermöglicht. Dieser Zugang wird unter anderem durch Schlichtheit erreicht. Es gilt nicht, jeden Gedanken oder jedes Gefühl komprimiert darzustellen, sondern ein Kunstwerk zu schaffen, mit welchem Raum geboten wird, Gedanken und Gefühle entstehen zu lassen. Welchen Zweck sollte es demnach für einen Dichter haben, sich hinter komplizierten Wortspielen und Metaphern zu verstecken? Wer verstanden werden will, wer etwas bei den Lesenden auslösen möchte, der muss sich verständlich machen. Ein Mittel zeigt uns Friedrich durch die Schlichtheit aber Klarheit seiner Gemälde auf.

Ein Kunstwerk muss vor allem empfunden werden. Denn im Empfinden drückt sich, wie bereits geschildert, die Individualität des Menschen aus, welche ein Kunstwerk erst zu einem solchen macht. 1807 fertigte Friedrich eine Skizze eines Nadelbaumes an. Er notierte auf dem Blatt „5 ½ Stunden“ (Kennung des Skizzenblattes wird noch ermittelt und nachgetragen). Das Empfinden oder das in-sich-Hineinschauen, mit dem jedes Kunstwerk beginnt, ist kein Vorgang, der kurze Zeit andauert. Dasselbe gilt für das Durchdenken und das Einüben des malerischen Handwerkes. Es bedarf der Zeit und der Geduld, bevor ein Kunstwerk entstehen kann. In der Dichtung neigt man häufig dazu, aus einem plötzlichen Antrieb heraus zu schreiben. Man empfindet etwas oder ein Gedanke kommt einem in den Sinn und sofort notiert man ihn. Schnell wird der Gedanke mit dem einen oder anderen Bild, vielleicht mit Reimen, vielleicht mit einem Metrum versehen und fertig ist das Gedicht – so könnte man glauben. Es lässt sich beobachten, dass solcherlei Gedichte immer irgendwelche Schwächen haben. Entweder sind sie formal unvollkommen, oder Inhalt und Form beißen sich, oder die Rechtschreibung und Grammatik lassen zu wünschen übrig, oder der Inhalt ist bar jeder Vernunft, das heißt voller Widersprüche, Widersinnigkeiten oder einfach Falschheiten. Friedrich mahnt uns Dichter, einen lyrischen Text oder gar ein Kunstwerk langsam entstehen zu lassen. Er/es muss reifen. Wir müssen lange und genau empfinden, gründlich überlegen und letztendlich alles, soweit wir es vermögen, meisterhaft darstellen. Friedrichs Werke zeigen, was Geduld und ausgeprägte Vorarbeit bewirken können, woran wir Dichter uns ein Beispiel nehmen sollten. Ist diesem Zusammenhang lohnt es sich, sich mit der Theorie und damit dem Handwerk der Lyrik vertraut zu machen, damit die lyrische Darstellung von Gedanken gelingen kann. Die Beherrschung gewisser Theorie ist notwendig für ein gutes Kunstwerk, jedoch vermag sie auch ein Kunstwerk zu zerstören oder abzuwerten, wenn sie alleinige Beachtung genießt. Was aus bloßem Reiz oder aus bloßer Theorie entsteht, ist noch lange kein Kunstwerk

Die meisterhafte Darstellung beziehungsweise die Beherrschung des künstlerischen Handwerkes ist ein weiterer Aspekt, dieser sich aus der Betrachtung der Skizzenanfertigungen Friedrichs ergibt. Skizzen wurden von Friedrich angelegt, um seine (inneren) Beobachtungen festzuhalten, aber auch um schlicht das Handwerk zu üben. Ähnlich können wir als Dichter vorgehen: Gedankenfetzen sind demnach nicht nur einfach festzuhalten, wie es die meisten Schreibschulen empfehlen. Mit ihnen ist vielmehr gleich zu arbeiten. Ein Gedanke kann beispielsweise gleich in ein entsprechendes Metrum gebracht oder mit diesem oder jenem Stilmittel ausgestattet werden. Manch einmal empfehlen sich auch mehrere Variationen eines Gedankens. Auf diese Art und Weise gewöhnen wir uns nicht nur an, Gedanken und Eindrücke festzuhalten, ehe wir sie vergessen, sondern üben gleichzeitig auch unser Handwerk, welches aus der entsprechenden Beherrschung der jeweiligen Sprachen besteht. Wer möchte, kann die ersten notierten Eindrücke noch weiter anhand von verschiedenen Techniken und Methoden des Schreibens (beispielsweise diverse Schreibübungen) bearbeiten und bereits die ersten Feinschliffe vornehmen. Doch auch hier gilt es zu beachten, dass damit das eigentliche Gedicht noch nicht vollendet ist und insofern noch nicht als Kunstwerk begriffen werden kann. Weitere Arbeit ist nötig.

Unter den heutigen Dichtern lassen sich verschiedene Positionen ausfindig machen, die natürlich auch in zahlreichen Mischungen auftreten können. Viele, gerade Anfänger, sehen das Gedichteschreiben als etwas rein Subjektives an, was keiner Maßregelung unterworfen sein darf. Sie schreiben frei von Überlegungen und „theoretischen Zwängen“. Reime und Metren werden hier und da gesetzt. Meist wird darauf jedoch verzichtet und zu freien Formen gegriffen. Zwei Abarten von dieser Position sind die notorisch kleingeschriebenen Texte oder Werke, welche die Frage aufwerfen, ob je ein Sprachunterricht besucht wurde. Eine Art Gegenposition nehmen diejenigen ein, die sich zumeist intensiv mit anderen Dichtern befassten. Sie sind in der Theorie bewandert und lassen es auch nicht an Geschicklichkeit fehlen. Die daraus folgenden Texte entbehren jedoch jeglicher Empfindung und sind tatsächlich an Theorien oder allzu komplizierter Vielwisserei gefesselt. Die Verse wirken auf den ersten Blick höchst poetisch, doch einen Zugang zum Text gewähren sie nicht. Schließlich gibt es auch diejenigen Dichter, die sich bemühen, verständlich zu schreiben und vor allem Geschicklichkeit an den Tag legen. Ihre Texte sind mit Reimen und sauberem Metrum versehen oder weisen eine gute Struktur bei freien Metren auf. Allerdings lassen sie Empfindung und Gedanken vermissen. Es werden zumeist Banalitäten in Verse gepackt, diese durchaus für Schreibübungen einen gewissen Reiz darstellen, aber für veröffentlichte und an jemand gerichtete Gedichte an sich keinerlei Wert haben. Kurzum: Sie sind so schlicht, dass sie nichts beim Lesen oder Rezitieren auslösen werden.

Ich möchte dazu aufrufen, diese drei „Extrempositionen“ zu verstehen, sich auf sie auch gerne einmal einzulassen, aber sie zu hinterfragen. Ich möchte dazu aufrufen, gemäß Friedrichs Überlegungen eine ganzheitliche Auffassung von Dichtung zu entwerfen und zu praktizieren. Ein Gedicht wird dann zum Kunstwerk wenn alle drei Positionen miteinander verschmelzen und etwas hervorbringen, das tiefempfunden, tiefdurchdacht und ebenso gut gemacht ist. Freilich ist es nicht jedermanns Anspruch, ein Kunstwerk zu dichten. Wer aber bestrebt ist, zu schreiben, weil er etwas zu sagen hat und dies der Welt verständlich machen möchte, der sollte sich bemühen, ab und zu über das nachzudenken, was er tut und was er mit welchem Mitteln erreichen will.

Schlusswort

Alles in allem lehrt Capar David Friedrich uns Dichtern viel, wenngleich er (hauptsächlich) Maler war. Neben den dargestellten Lehren, die wir aus seinen Gedanken über Kunst und seine eigenen Werke erschließen können, weist Friedrich mit Nachdruck darauf hin, wie wichtig die Individualität für ein Kunstwerk ist. Wer bloße Verstandesarbeit leistet, sich aber nicht bemüht, in sich zu schauen oder sich und sein emotionales Inneres verstehen zu lernen, der schafft keine Kunstwerke. Dennoch sind Menschen (aus welchen Gründen auch immer) zu oft geneigt, dies zu missachten und schaffen Werke, die bar jeder Empfindung sind. Sie sind schließlich unverständlich, nichtssagend oder einfach langweilig und banal. Ich schließe daher mit einer Mahnung Caspar David Friedrichs an die Maler und im Sinne dieses Aufsatzes an die Dichter:

„Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, war er vor sich sieht.“ (Hinz, 1984, S. 125.)

Quellen

Hinz, Sigrid (1984): Caspar David Friedrich in Briefen und Bekenntnissen, München, Rogner&Bernhard.

Richter, Frank (2009): Caspar David Friedrich. Spurensuche im Dresdner Umland und in der Sächsischen Schweiz, Husum, Verlag der Kunst.

Zschoche, Herrmann (Hrsg.) (2006): Caspar David Friedrich. Die Briefe, Hamburg, ConferencePoint Verlag.